Die Nikodemus-Kirche ist gut gefüllt, nur wenige Stühle sind freigeblieben. Vor dem Altar sitzen Landesbischof Meister, zwischen der Bundestagsabgeordneten und ehemaligen Kirchenfunktionärin1 Katrin Göring-Eckardt und ihrem Fraktionskollegen Sven Kindler. „Zufluchtsort Kirche“ lautet der Titel des Gesprächs, zu dem auch zwei Herren eingeladen wurden, die selbst Kirchenasyl in Anspruch nehmen durften, um ihre Abschiebung in ein anderes europäisches Land gemäß dem Dublin-Abkommen zu verhindern.

Unerhörte Fluchtgründe

Die Zugehörigkeit zu einem unterprivilegiertem Stamm brachte einen der Herren dazu, aus seinem afrikanischen Heimatstaat den Weg nach Europa anzutreten. Der junge Mann am anderen Ende des Podiums ist vor dem Syrischen Bürgerkrieg geflohen, dessen Fronten und ausländische Einflüsse entlang islamischer Schismen verlaufen. „Wenn man gefragt wurde, auf welcher Seite man steht, wusste man nie, welche Antwort man geben musste.“ übersetzt sein Bruder, der schon seit Jahren in Hannover lebt.

„Wir reden mit den Flüchtlingen.“, „Wir haben ja jetzt ihre Erfahrungen gehört.“ so betonen es Meister und die Politiker. Meister redet ausschließlich von den wirtschaftlichen Gründen zu fliehen. Wo er die gehört hat, erschließt sich mir nicht. Die Zuschauer werden seinem Einwand aber in der Fragerunde zustimmen. Der Herr Bischof lächelt und lacht viel. Im Gegensatz zur Frau Pastorin und den meisten deutschen Politikern, haben seine Ausführungen, in denen er sich sichtlich gefällt, nicht den Sprachrhythmus einer Predigt.

Göring-Eckardt erzählt von ihrer Taxifahrt zu der Veranstaltung. Ihr Fahrer, der auch nicht in seinem Heimatland leben konnte, wurde durch die Islamische Revolution aus Persien vertrieben. In der Diskussion mit den Schäfchen aus dem Publikum fällt zwei Mal der Name Boko Haram (übersetzt: Bücher/Bildung sind verboten), der berüchtigten islamischen Miliz aus Nigeria. Meister redet in einem anderen Zusammenhang davon, wie wichtig die Bildung für die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage in diesen Ländern seiner Meinung nach ist: „Für mich als Protestant“.

Die Mission der „Christenmenschen“

Entwicklungspolitik darf nicht mehr die Diktatoren vor Ort unterstützen, da sind sich alle einig. Das Dublin-Abkommen war mehr Fluch als Segen. Damit ist der pragmatische Teil des Abends auch schon zusammengefasst und so weit stimme ich den Damen und Herren auch zu.

Die Kirche wäre aber nicht die Kirche, wenn sie nicht noch über die Frage sprechen würde, wie viele Engel jetzt verdammt nochmal auf einem Stecknadelkopf Platz finden. Sie bringen das Wunder fertig, von allen Seiten mit dem Wahnsinn der magischen Welterklärung konfrontiert, ihre Religionszugehörigkeit als Quelle allen Guten zu verstehen. „Christenmenschen müssen das.“, „Das können nur Christenmenschen.“, „Das bedeutet für Christenmenschen …“ So schallt es in den Saal. Vorausgesetzt natürlich, die Christenmenschen halten ihre Christenmünder nah genug an das Christenmikrofon.

Warum?

Und dann stellen sich die Christenmenschen, die zu wissen meinen, was nach dem Tod passiert, die Frage nach dem Warum. Was treibt Boko Haram dazu? Warum der ISIS-Terror? Diese Frage, aus dem Podium an niemanden gerichtet, kann ich leicht beantworten: Das Versprechen des schönen Todes verleitet die Menschen, das weltliche Leben als Last und Sprungbrett zu empfinden. Kurz noch den richtigen Regeln folgen, und die Ewigkeit in Glückseligkeit wartet.

Vielleicht sind wir doch ganz verschieden, die Christenmenschen und ich: Christian, der Mensch. Christenmenschen klingt mir zu sehr nach der Religions-Rasse und was ich nicht verstehe, ist, wie man nach 1945 diesen Denkfehler begehen kann, und wie man darauf kommt, dass ausgerechnet die Glorifizierung des Jenseits die Menschenwürde im Diesseits bedingt.

Ich empfehle jedem Demokraten, die Autobiografie Ayaan Hirsi Alis2 zu lesen, die auch meinen Standpunkt in dieser Sache maßgeblich prägt. Hirsi Ali hat es aus den Zwängen des Stammes und den daraus resultierenden Regeln der Religion vom Flüchtling zum Parlamentarier in den Niederlanden gebracht und auf dem Weg konsequent ihren Glauben verloren. Das gelobte Land Europa, das zu erreichen heute viele ihr Leben riskieren, blieb ironischerweise kein sicherer Ort für Ayaan Hirsi Ali. Drohungen von Islamisten nach dem Mord an dem Regisseur Theo van Gogh3 vertrieben sie in die USA.

  1. Katrin Göring-Eckardt war Spitzenkandidatin der Grünen zur Bundestagswahl 2013 und für eine Weile gleichzeitig Vorsitzende der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

  2. Mein Leben, meine Freiheit: Die Autobiographie (Originaltitel: "Infidel")

  3. Ayaan schrieb das Drehbuch zu Theo van Goghs Film, der die Fanatiker erzürnte. Die Süddeutsche Zeitung – für gewöhnlich immer für starke Frauen-Storys zu haben – diffamierte sie kürzlich.